Home is where your
heart is
ist eine vielseitig verwendete englische Phrase, die vor allem bei
jungen Menschen immer häufiger verwendet wird. So hat beispielsweise Moritz
Hippich 2009 das deutsche Modelabel Home
is where your heart is
gegründet. Im gleichen Jahr veröffentlichte die
schwedische Indie-Band The Sounds ihren Song Home is where your heart is. Im Netz findet man unzählige Essays
und Blogs über den Spruch, der ausdrückt, wenn auch sehr verkürzt, was
zunehmend „zuhause“ für Menschen bedeutet. Heimat bedeutet nicht
notwendigerweise ein Ort, eine Arbeitsstelle oder ein Haus, sprich keine
ortspezifischen oder materiellen Dinge. Vielmehr ist Heimat etwas, an dem man
sich zuhause fühlt und sich
identifizieren kann. Wie schon die Phrase ausdrückt, ist es das Herz, welches
in den Mittelpunkt der Thematik gestellt werden muss. Es ist das Herz, welches
unsere inneren Gefühle und Emotionen verkörpert, das schneller schlägt, wenn
wir aufgeregt sind, das spannt, wenn wir nervös sind und warm wird, wenn wir
lieben.

Aber was genau ist jetzt Heimat? Wenn Heimat alles wäre, wo
mein Herz schneller schlägt, dann wäre auch das Fitnessstudio und jeder
potenzielle Arbeitgeber eines Bewerbungsgespräches meine Heimat. Dem ist aber
nicht so. Ein Zuhause ist wesentlich vielfältiger und komplexer als die Idee
der Wohnung oder des Hauses, an dem man am Ende seines Arbeitsalltages
„nachhause“ kommt. Wenn ich an Heimat denke, denke ich auf der einen Seite an
meine erweiterte Familie in Österreich, die meine Großeltern, Tanten, Onkel,
Cousins und Cousinen beinhaltet. Warum eigentlich? Ich sehe sie zwei-, dreimal
im Jahr, sie am Land, ich in der Stadt lebend. Wieso ist es trotzdem Heimat für
mich? Wieso fühle ich mich zuhause?
Es ist nicht das Land, auf dem ich mich zuhause fühle und auch nicht die Art
und Weise, wie sie leben. Vielmehr sind es die zwischenmenschlichen Ereignisse,
die über die Jahre entstanden sind. Uns verbindet eine Geschichte, einerseits
kulturell, andererseits in familiärer Hinsicht. Darüber hinaus fühle ich mich in
ihrer Umgebung vertraut, ich kenne ihren Alltag, ich weiß, wie sie denken, ich
verstehe sie. Dieses Wissen über sie, ihren Habitus und die Umgebung im
Allgemeinen verleiht physische wie psychische Sicherheit. Sicherheit bekomme
ich nicht nur durch eine vertraute Umgebung, ich vertraue ihnen auch auf
persönlicher Ebene. Sie haben mich immer mit offenen Armen, einem breiten,
ehrlichen Lächeln und funkelnden Augen empfangen, sie haben auf mich
aufgepasst, mir Aufmerksamkeit und Anerkennung geschenkt, mir zu Essen gegeben
und einen sicheren Platz zu schlafen. So banal dies klingen mag, so essenziell
ist es für das Gefühl von Vertrauen. Wenn ich Personen mein Vertrauen schenke,
eröffne ich ihnen einen Raum, in dem ich von ihnen erwarte, dass sie so
handeln, wie es sowohl für sie als auch mich in Ordnung ist. Habe ich dieses
Gefühl von Vertrauen, beinhaltet es auch Sicherheit; ich habe einen sicheren
Boden unter den Füßen. Auch wenn sie am Land leben und ich in der Stadt und wir
relativ unterschiedliche Lebensentwürfe und –ansichten haben, teilen wir
dennoch gleiche Werte. Wir nehmen aufeinander Rücksicht, wir sind einander
immer willkommen und wertschätzen die andere Person, unabhängig davon wie sie
zu leben vermag. Durch Erziehung wurden mir diese Werte mitgegeben, was unter
anderem zu einer Verbundenheit zwischen uns als Familie geführt hat.
Zusammengefasst sind es Gefühle der Vertrautheit und des Vertrauens, der
gleichen Vergangenheit und Geschichte, der Verbundenheit zueinander, das Teilen
von Werten, ein aufgehoben und geborgen sein. Wenn ich von diesem Teil meiner
Heimat spreche, dann rede ich immer von meiner Oma. Ich sage dann „Ich fahre zu meiner Oma“ oder „bei meiner
Oma“, wobei sie dabei die gesamte Familie repräsentiert. Sie trägt in meiner
Vorstellung also eine wichtige Bedeutung; die des Schutzes und Fürsorge, der
Geborgenheit, Anerkennung und Liebe zu mir.

Ich fühle
mich also auf der einen Seite bei meiner erweiterten Familie sehr zuhause, sie
gibt mir ein Gefühl von Heimat. Auf der anderen Seite habe ich mit sechzehn ein
zweites Zuhause gefunden; in Michigan, USA. Ein Schulsemester lang habe ich als
Einzelkind bei einer Familie mit vier Kindern gelebt und nur wenige Wochen
haben gereicht um zu fühlen, dass dies nun ein weiteres Zuhause von mir ist, welches
inkommensurabel zu meiner Familie in Österreich ist, oft habe ich es als eine
andere Welt beschrieben. In der Adventzeit habe ich meiner Mutter in einer
Email geschrieben, dass ich zum ersten Mal Geschwisterliebe erfahren habe.
Obwohl wir weder eine gemeinsame Geschichte oder Herkunft haben, gab es
trotzdem das starke Gefühl von tiefer Verbundenheit.

Die Familie
gab mir durch ihr Wesen den Raum, so sein zu können wie ich möchte und hat
gleichzeitig wieder darauf reagiert. Diese wechselseitige Reaktion kann auch
mit Resonanz beschrieben werden; die amerikanische Familie und ich befanden uns
also in einem Resonanzraum, in welchem wir aufeinander reagierten und zwar
nicht, weil die Umstände es so von uns verlangten, sondern weil wir von unserem
Wesen her so waren. Man selbst sein zu können führt das Gefühl von Sicherheit
und Geborgenheit mit sich. Wenn Menschen ihr innerstes und eigenstes Wesen
zeigen, machen sie sich damit gleichzeitig verletzlich. Die Ungewissheit der
Anerkennung und Akzeptanz steht im Raum. Das Gefühl sicher und geborgen in
seiner Umgebung zu sein hat also zur Folge – mit Heidegger gesprochen – sein eigenstes
Sein sein zu können.

Darüber
hinaus hat das eben erwähnte Ausleben der eigenen Persönlichkeit etwas Entspannendes,
Lockerndes und Befreiendes. Ich bin frei als Person, wenn ich nach den Prinzipien
und Gefühlen leben kann, die ich für richtig und wertvoll empfinde. Die
Vorstellungen darüber, was es bedeutet ident mit sich selbst zu sein und
demnach leben zu können, sind jedoch veränderbar. Die meisten Menschen werden
froh darüber sein, ihre Lebenseinstellung zur Zeit der Adoleszenz mittlerweile
modifiziert zu haben. Aber auch darüber hinaus verändern wir persönliche
Ideale, Einstellungen zu Situationen, Personen oder unserem Verhalten. Da sich
also jeder Mensch in seinem Wesen ändert, können sich auch die einzelnen Menschen
ändern, bei denen wir sein können wie wir sind, bei denen wir also Sicherheit,
Geborgenheit und damit ein Gefühl von Heimat finden. Es sind meist, wenn
überhaupt, nur sehr wenige Menschen, die einen trotz vieler Veränderungen ein
Leben lang begleiten und ein Gefühl von Heimat geben. Oft sind es die Eltern,
Geschwister oder Lebenspartner, doch auch „Freunde fürs Leben“ geben einem
einen Raum von Sicherheit und Geborgenheit. Egal wie sehr sich die einzelnen
Personen verändern, die gewisse Resonanz zwischen den Menschen, ein
gegenseitiges Verstehen und Vertrauen bleibt vorhanden. Wir haben das
Vertrauen, dass wir von der anderen Person immer angenommen und geliebt werden,
unabhängig davon wie sehr wir uns nun verändern sollten. Mit Menschen, die uns
ein Leben lang begleiten und das Gefühl von zuhause übermitteln können, teilen
wir einen großen und festen Raum der Resonanz, des Verstehens und Verstandenwerdens,
des Vertrauens und damit des Gefühls von Sicherheit; es ist der Raum des
Zuhauseseins.

Heimat definiert sich also durch eine Vielzahl an Gefühlen,
ausgehend von Personen, meist verbunden mit unserer Vergangenheit und Geschichte,
dem Teilen von Traditionen, Ritualen und Werten. Wie ich aber auch zeigen
konnte, ist eine gemeinsame Herkunft oder Geschichte nicht notwendig, sondern
lediglich hinreichend um Heimat erfahren zu müssen. Heimat bedarf keiner
festgesetzten Rahmenbedingungen, vielmehr ist es ein vielschichtiger Begriff,
der sich vordergründig und hauptsächlich auf Gefühle bezieht, die teilweise
durch Geschichte oder Rituale hervorgerufen und erzeugt werden können. Aber
Heimat bedeutet darüber hinaus das Gefühl angekommen zu sein, seine innerste
Persönlichkeit unbeschwert und frei ausleben zu können, physische wie
psychische Sicherheit zu erfahren, sowie Liebe und Vertrauen zu schenken als
auch zu bekommen.

Der Begriff “Geborgenheit” passt wohl am besten zu dem Gefühl von Heimat und beinhaltet
eigentlich all die anderen Gefühle, mit denen ich bisher versucht habe Heimat zu
beschreiben. Die Süddeutsche beschrieb in einem Artikel über Geborgenheit
diesen mit Begriffen wie „Sicherheit“, „Schutz“, „Wärme“, „Vertrauen“,
„Akzeptanz“ und „Liebe“. Etymologisch lässt sich Geborgenheit von „bergen“
ableiten, was unter anderem „in Sicherheit bringen“ bedeutet. Das Präfix „ge-“
kann schließlich zusammen mit einem Verb ein momentanes Geschehen ausdrücken, das
oftmals einen Beginn oder Abschluss eines Vorgangs markiert. Nun ist Zuhause
ein Ort, an dem man angekommen ist, während man zuvor auf der Suche war. Das
Geschehen wäre demnach das des Angekommenseins als Ende des Suchvorgangs.
Kinder, die in einer unstabilen Umgebung aufgewachsen sind und nie das Gefühl
von Geborgenheit erfahren konnten, werden immer auf der Suche sein, das Gefühl
des Angekommenseins zu finden. Bildlich gesprochen kann die Rolle der Eltern
mit einem Hafen und einem Schiff verglichen werden. Der Hafen bietet Sicherheit
und Schutz und ist der Ort, an dem jedes Schiff letztlich ankommt. Das Schiff
wiederum bringt das Kind hinaus und zeigt ihm die Welt, um zu sehen, wie es
anderswo aussieht, wie es vielleicht anders besser geht oder was bei sich auch
gut und zu schätzen ist.

Der Hafen bietet demnach das Zuhause, zu dem wir immer
zurück- und ankommen. Das Schiff hingegen trägt uns weg von diesem Zuhause, hinaus
in die Fremde. Das angeführte Sinnbild zeigt die Fremde (hinausfahrendes Schiff)
als notwendiges Gegenstück zur Heimat (Hafen). Die Schiffe wären ohne einen
Hafen verloren, so wie sich Menschen in persönlichen Krisen ebenso „verloren
fühlen in dieser Welt“. Der Hafen auf der anderen Seite hätte überhaupt keine
Bedeutung, wären da nicht die Schiffe, die ihm eine Aufgabe zuteilen. Das
Fremde ist demnach nicht ausschließlich etwas Bedrohliches und von Grund auf Negatives. Allgemein gesprochen bedeutet Fremde Unwissenheit, es ist etwas
Unbekanntes, Neues und Anderes. Das Fremde können fremde Kulturen, fremde
Menschen, fremde Situationen oder fremde Umgebungen sein. Sie beinhalten zum
Beispiel unbekannte Ideologien und Lebensentwürfe, von denen wir nichts
wussten. All diese Möglichkeiten stehen
uns offen zu erfahren, sowohl in positiver Hinsicht als dass sie uns
bereichern, aber auch auf negative Weise, als dass sie uns hindern,
einschränken oder schaden.

Fremde im
Negativen ist, einfach gesprochen, das absolute Gegenteil von Heimat. Fremde
bedeutet Unvertrautheit, nicht verstanden zu werden und selbst nicht zu
verstehen. Befinde ich mich in einer komplett neuen Situation, in der ich
keinen Halt finde und mich absolut nicht orientieren kann, in welcher ich weder
Bezug zu Menschen noch zu meiner Umgebung habe, dann fühle ich mich fremd. Ich
verstehe nicht, wieso welche Dinge passieren, wieso welche Handlungen vollzogen
werden und was demnach als nächstes folgt. Orientierungslosigkeit und
Haltlosigkeit sind also Begriffe, die das Gefühl von Fremde beschreiben. Damit
zusammenhängend bringen auch Unberechenbarkeit und Willkür das Gefühl von
Fremde hervor. Kann ich eine Situation nicht mehr kontrollieren oder einzelne
Menschen bis zu einem bestimmten Maß einschätzen, wirkt die Situation oder die
Person fremd. Geht das Fremde in die Extreme, wird das Fremde zum Bedrohlichen
und der Fremde zum Feind. Das Fremde wird von den Menschen meist abgelehnt oder
sie erkennen es nicht an. Diese Reaktion ist eigentlich ein natürlicher
Mechanismus. Der Körper stößt Fremdkörper auf unterschiedlichste Weise ab. Wir
wehren uns gegen Fremdkörper mit Schutzreflexen wie Zusammenzucken der Augen
oder des gesamten Körpers, wenn wir gekitzelt werden. Ist uns also etwas fremd
und nicht gewohnt, lehnen wir es instinktiv ab. Dadurch, dass wir das Fremde
nicht verstehen, ergeben sich Missverständnisse, was in weiterer Folge bei Menschen
oftmals zu Konflikten führt. Gefühle der Unsicherheit, des Unverständnisses und der Nicht-Anerkennung führen auch dazu, dass wir kein Vertrauen entwickeln können
und ein Gefühl der Erdrückung der eigenen Identität aufkommt. Sich zu
identifizieren bedeutet, sich zu definieren und damit einhergehend sich anderem
gegenüber abzugrenzen. Ich meine keine Entweder-oder Entscheidung, sondern eine
klare Zeichnung seines Wesens. Durch jede Entscheidung, die wir tätigen, jede
Handlung, die wir ausführen und jede Art, in der wir uns geben, formen und
definieren wir uns auch schon. Bekommen wir durch die Invasion des Fremden
jedoch nicht die Möglichkeit uns frei formen und definieren zu können,
versuchen wir uns umso stärker und sichtbarer von anderem, also besonders von
dem Fremden, abzugrenzen. Grenzen erzeugen das Gefühl der Sicherheit und der
Definition (lat. finis, Grenze), doch
jede Art des Ungleichgewichts und des Extrems führt in jedem anderen Bereich
auch zu einer Extreme. Ist also das Fremde, begleitet von all den zuvor
beschriebenen Gefühlen, besonders präsent, wird auch die Abgrenzung zu diesem
stärker. Aus Angst seinen Rahmen komplett zu verlieren, wird dieser umso
vehementer gestärkt. Das Fremde kann sich demnach negativ auswirken, wenn wir
eine Bedrohung unserer Identität und Sicherheit verspüren. Ich bin der Ansicht,
dass das Fremde den negativen Charakter vor allem dann erhält, wenn der Rahmen
von Anbeginn nicht stabil war oder der Boden unter den Füßen zu weich und nicht
festen Schrittes weitergegangen werden kann, beziehungsweise Herausforderungen
nicht standhaft geblieben werden können. Ein ausreichendes Gefühl von Heimat
erfahren zu haben hilft demnach, mit unbekannten, fremden Situationen besser
klarkommen zu können.

Kommen wir
zurück zum Schiff und dem Hafen. Verlassen wir den Hafen und widmen uns dem
Fremden, begeben wir uns auf ein Abenteuer das neben einer Horizonterweiterung
immer auch Risiken mit sich bringt. Da das Fremde immer Unbekanntes ist, wissen
wir nicht, was uns erwartet. In die Fremde beziehungsweise in ein Abenteuer aufzubrechen bedeutet auch alte
Ansichten und Gewohnheiten aufzubrechen, um Neues hineinlassen zu können. Den
Horizont zu erweitern bedeutet Vielfalt hineinzulassen, unterschiedliche
Ansichten, Lebensentwürfe, Rituale und Geschichten kennenzulernen. Dabei werden
die eigenen Werte und Ideale hinterfragt, verändert oder aber auch gefestigt.
Der Rahmen, der durch meine Heimat gebildet wurde, wird in der Fremde sowohl
ausgeweitet als auch weiter gefestigt. Womöglich orientiert man sich innerhalb
des Rahmens neu, doch verwirft man ihn nie völlig. Um die Grenzen des eigenen
Rahmens ziehen und definieren zu können, muss man wissen wogegen man sich
abgrenzt, was einem „zu weit geht“ und wo vielleicht noch Raum ist um weiter zu
gehen. Der Boden unter den Füßen muss fest sein, muss einen tragen können, wenn
man über fremde Steine stolpert und Felsen erklimmt.

Fremde und Heimat bedingen sich also einander. Die Heimat
bietet uns Schutz und Sicherheit, sie festigt uns in unserem individuellen und
ganz persönlichen Dasein. Gleichzeitig bedarf es der Fremde um den eigenen
Horizont, das heißt die Art und Weise, wie wir das Leben betrachten,
hinterfragen und ausbauen zu können.

Heimat und
Fremde sind wie kontrastive Begriffe; ich kann das eine ohne dem anderen nicht
verstehen. Sie übernehmen die Funktion, durch Kontraste und Differenzen Bedeutungen
herzustellen. Verlasse ich das Gefühl von Heimat nie, werde ich nicht verstehen,
was beispielsweise Vertrauen, Sicherheit oder Akzeptanz wirklich bedeuten, ich
weiß nur, dass es sie gibt. Um ein besseres Verständnis von Bekanntem und
Gewohntem zu bekommen, bedarf es dem Erfahren vom Gegenteil, also dem Fremden,
Neuen oder Unbekannten. Erst durch die Differenz, also dem Unterschied und dem
jeweiligen Abstand, bekommen wir ein Gespür und ein Verständnis für die
Begriffe. So gibt es nicht nur Verständnis und Unverständnis, sondern auch
Missverständnis. Nicht nur Gegenteile, sondern eine gewisse Differenz zwischen
Begrifflichkeiten zeichnen Bedeutungen noch klarer ab. Ich weiß zum Beispiel,
dass meine Mutter mich liebt, aber erst wenn ich ihre Abwesenheit erfahre, verstehe
ich wirklich, was ihre Liebe zu mir bedeutet. Oder ich weiß, dass meine
Geschwister oder Freunde mich akzeptieren, aber erst wenn ich erfahre, dass manches von
meiner Persönlichkeit oder meines Habitus akzeptiert und anderes nicht
akzeptiert oder gar abgelehnt wird, erfahre ich die einzelnen Grade, die feinen
Nuancen und Unterschiede von Akzeptanz und Anerkennung mit ihren jeweiligen
Bedeutungen.

Auf der
Suche zu sein und das Gefühl des Angekommenseins und der Geborgenheit
wiederholen sich abwechselnd. Zu Beginn müssen wir erstmal unseren Rahmen
bilden und einen festen Boden unter den Füßen erlangen. Eltern sind eine Quelle
der Geborgenheit, aber es sind mehrere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen
können. Auch sichere Lebensumstände und andere Personen können das Gefühl von
Geborgenheit vermitteln oder eben nicht. Haben wir einmal einen Rahmen gebildet
und das Gefühl von Geborgenheit erfahren, machen wir uns immer wieder erneut
auf die Suche. Wir beginnen den Rahmen zu erweitern, zu hinterfragen und uns
anders zu positionieren. Im Laufe unseres Lebens begeben wir uns
unterschiedlich oft und unterschiedlich intensiv auf die Suche, wir verlaufen
uns oder stolpern, wir kommen an und brechen wieder auf. Der andauernde Prozess
ist für uns auch deswegen notwendig, um Werte und Ansichten, die uns mitgegeben
wurden und worauf wir demnach keinen Einfluss hatten, immer wieder zu hinterfragen.

Heimat und
Fremde bedingen sich des Weiteren in Form der Spannung und Entspannung. Zuhause
müssen wir keine Rollen spielen und keine Erwartungen erfüllen, es dient als
Rückzugsort zur Erholung und Entspannung, ein Ort der inneren Ruhe. Auch wenn
ich hier von einem Ort schreibe, so meine ich nicht zwangsläufig einen
physischen Ort, sondern die Umstände, die das Gefühl von Heimat, von
Angekommensein, übermitteln. Ständige Entspannung würde auf Dauer zu Schlaffheit
führen, also wieder in ein Extrem. Um dem entgegenzuwirken und die eigentliche
Bedeutung von Entspannung aufrecht zu erhalten, bedarf es auf der anderen Seite
der Spannung; auf der Suche zu sein, in ein Abenteuer aufzubrechen. Dabei kann
es passieren, dass gerade in der Fremde Heimat gefunden wird. Der Rahmen wird
erweitert und was zuvor noch unbekannt und bezugslos war, ist nun Teil der
Heimat. So wie ich mich mit sechzehn in ein Abenteuer begeben habe, meine
gewohnte und vertraute Heimat verlassen habe und gerade in der Ferne, in einem
fremden Land mit einer anderen Sprache und bei Leuten mit einer anderen
Lebensweise ein Zuhause gefunden habe. Ein Abenteuer zu beschreiten und ein
Risiko einzugehen bedeutet nicht, eine Gefahr einzugehen, sondern bewusst
Herausforderungen entgegenzutreten und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Auf
welche Art mit diesen Herausforderungen umgegangen wird und welche Erkenntnisse
aus ihnen gezogen werden, bleibt abhängig von der jeweiligen Person
beziehungsweise all den betroffenen Personen. Nachdem Fremde immer auch
Unwissenheit bedeutet, konnte auch ich nicht wissen, was dieses Abenteuer für
mich bereithalten würde und es war bestimmt nicht einzig meine bewusste
Entscheidung, dass dies ein neues Zuhause für mich sein würde. Es waren
vielmehr die unterschiedlichen Faktoren und Umstände, die zusammengespielt
haben, die einzelnen Personen, mit denen gemeinsam der Resonanzraum entstanden
ist und sich so das Gefühl der Heimat zwischen uns entfalten konnte.

Schließlich
muss die Balance zwischen Heimat und Fremde im Gleichgewicht gehalten werden.
Erfahren wir zu wenig Fremde und bleiben wir ausschließlich im gewohnten und
vertrauten Umfeld, dann ist es unmöglich ein ausgeglichenes (!) Verhältnis zu
seiner Identität, zu den Gefühlen von Zuhause und Heimat, aber auch eine
Beziehung zum Fremden zu bekommen. Begebe ich mich immer wieder auf die Suche,
ist mir die Suche an sich nicht mehr fremd. Begegne ich immer wieder Fremdem,
ist mir die Begegnung mit dem Fremden an sich nicht mehr fremd. Umgekehrt
bedarf es dem Gefühl der Geborgenheit, dem Gefühl des schützenden Hafens, zu
dem man immer zurückkehren kann. Das Gefühl von Zuhause gibt Kraft um
Herausforderungen bewältigen zu können. Ich kann Fremdes nur dann sicher
angehen, wenn darüber hinaus meine eigene Persönlichkeit, meine Identität
gestärkt und gefestigt ist, jedoch nie verfestigt, um revidierbar bleiben zu
können. Wenn ich nie oder kaum das Gefühl von Heimat erfahren habe, bin ich
womöglich auch nicht in der Lage das Fremde zu erfahren, da ich noch im „ersten
Stadium des Suchens“ bin, um überhaupt einmal von einem Hafen wegfahren, mich
von einem festen Boden abstoßen oder einen Rahmen bewegen zu können.

Überwiegt
das Gefühl von Fremde, wird also alles unbekannt und geschieht willkürlich,
kann nichts mehr vertraut werden und ein gewisses Urvertrauen fällt weg. Dieses
Urvertrauen beinhaltet Wissen und Sicherheit über gewisse Dinge und ein Gefühl
von Kontrolle über Situationen, in denen man sich befindet. Fällt dieses
Urgefühl wie gesagt weg, flüchte oder verliere ich mich in einer Suche nach
Kontrolle über alles, was mir vertraut ist und bin nicht mehr offen für Anderes,
Neues und Unbekanntes.

Quellenverweise:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/gemischte-gefuehle-geborgenheit-und-alles-ist-gut-1.984667

http://www.zeit.de/angebote/partnersuche/magazin/magazin_Sehnsucht_nach_Geborgenheit